Wortanalyse

Wie kann man etwas fassen, untersuchen, das in dem Moment, wo es entsteht, auch schon vergangen ist? Klang verklingt, ist als augenblickliches – oder besser: ohrenhörliches – Phänomen originär, das heißt nicht beliebig reproduzierbar. Das Nomen „Klang“ sagt als Teil des Dreiklangs: klingen, klang, geklungen schon viel über die Flüchtigkeit seiner Beschaffenheit aus.

Entwurf einer Klangbeschreibungsanalyse

Physikalische Parameter können helfen, anhand von Messwerten distinkte Aussagen über Klangentstehung und Klangwahrnehmung zu treffen. Dies ist ein Weg, um sich dem Phänomen Klang zu nähern. Ein anderer führt über den Umweg der Rezeption. Das heißt, wir begeben uns auf die Spuren, die ein Klangerlebnis hinterlassen hat. Aber ist das wirklich ein Umweg? Braucht es nicht in jedem Fall ein rezipierendes Individuum, dessen auditive Wahrnehmung ein Klangerlebnis erst entstehen lässt?


Spuren eines Klangerlebnisses begegnen uns meist in verbalisierter Form, als Metamorphose des Gehörten. In Bezug auf unseren „Untersuchungsgegenstand“, den Klang der Sächsischen Staatskapelle Dresden, handelt es sich hierbei um mündlich oder schriftlich überlieferte Klangbeschreibungen.


Rezensionen & Kritiken, aber auch Tagebuchnotizen und schriftliche Korrespondenzen (hier Beispiel A) bilden das Herzstück historischer Klangbeschreibungen, da es sich um nahezu die einzigen Quellen vor Beginn der Tonaufzeichnungen handelt, die Auskunft über den rezipierten Klang als sinnliches Phänomen geben können. Desweiteren stellen Interviews (Beispiel B), die wir im Rahmen des Projektes mit Kapellmusikerinnen und -musikern führen, einen wichtigen Bezugspunkt zur zeitgenössischen Wahrnehmung der Staatskapelle dar.


Um die mit den Aufführungen in der Chronik verknüpften Klangbeschreibungen sinnhaft auswerten zu können, werden zunächst kurze Texteinheiten aus Rezensionen und Interviews extrahiert und in ein gesondertes Register eingespeist. Wie hier ein Ausschnitt aus der Allgemeinen musikalischen Zeitung von 1880 sowie ein kurzer Auszug aus dem Interview mit Eckart Haupt, dem Soloflötisten der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

Ein eigens für das Projekt entwickeltes semantisches Verschlagwortungskonzept „taggt“ (also etikettiert) nun diese Textkorpora hinsichtlich der darin vorkommenden Klangaussagen.

 


Die semantischen Analysen dieser kleinen Klangbeschreibungsbausteine fußen dabei auf einem kontrollierten, an die Gemeinsame Normdatei angelehnten Vokabular, durch welches jede Klangbeschreibungseinheit kategorisiert werden kann – beispielsweise durch Etiketten wie „Raumklang“, „Streicherklang“, „Phrasierung“ oder „Aufführungspraxis“.


Zusätzlich werden auf der Basis jedes einzelnen Textbausteins „Klangwolken“ (sog. wordclouds) erstellt, die sich dynamisch auf Grundlage einer Sentiment-Analyse der Textbausteine aufbauen und so alle positiv, negativ, neutral und ironisch konnotierten Klangaussagen eines betreffenden Korpus in jeweils einer Klangwolke visuell aufbereitet versammeln.


In Kombination mit der Verknüpfung dieser Klangaussagen an alle in dem analysierten Textbaustein indexierten Personen, Werke, Instrumente, etc. lassen sich zahlreiche Suchabfragen formulieren, wie:

  • Zeige mir negativ konnotierte Klangaussagen, die auf Ernst von Schuch Bezug nehmen!
  • Zeige mir Aussagen zum Raumklang bezogen auf die erste Semperoper im Zeitraum 1850 – 1855!
  • Stelle mir positiv konnotierte Klangaussagen zum Streicherklang im Zeitraum nach 1945 in einer Klangwolke zusammen!

Durch diese Analysemethoden lassen sich elegant und effizient semantische Verschiebungen in der sprachlichen Beschreibung von Klangphänomenen auf der Zeitebene, aber auch in Bezug auf einzelne Werke, Instrumente, Spielstätten, Dirigenten, etc. sichtbar und auch analogisierbar machen.

Ausblick

Nicht nur anhand der vorgestellten Analysen von Klangbeschreibungen auf der Mikrotextebene innerhalb der Datenbankumgebung lassen sich zahlreiche Spuren finden, die auf ein wie auch immer geartetes Klangideal schließen lassen können. Auch die Analyse größerer Textkorpora bietet auf der Makroebene noch diverse Möglichkeiten, die über die Projektwebseite in Kürze zugänglich sein werden. So wird es bspw. möglich sein, ein definiertes Volltext-Korpus von Rezensionen des 19. Jahrhunderts hinsichtlich der Veränderung des Wortschatzes zu analysieren und mit zeitgenössischen Kritiken zu vergleichen. Ein Rating der häufigsten Begriffe, das Ablesen von Tendenzen in der Berichterstattung, aber auch ein komparatives Gegenüberstellen von größeren Texten sind denkbar.

Beispielhaft für eine Textanalyse auf der Makro-Ebene sei hier die semantische Auswertung des Interviews mit Eckart Haupt angeführt. Die Volltextdatei des Interviews wurde über die Seite voyant-tools.org eingelesen. Dort stehen zahlreiche Textanalysetools zur Verfügung, die die Aussagen über den Klang der Sächsischen Staatskapelle Dresden zur Schauwerkstatt werden lassen und womöglich die ein oder andere digitale Spur zur Entschlüsselung des Dresdner Klangs offenbaren werden.

(Das Modul der Klangbeschreibungsanalyse befindet sich noch im Aufbau. Stand: Dezember 2021)